Vorstellungsrunde zu Beginn des zweiten Präsenztermins. Was studiere ich, warum bin ich hier, was für Vorerfahrungen habe ich?
„Ich bin Lena, studiere Deutsch und Spanisch auf Lehramt und ich bin ehrlich gesagt hier weil ich in dem Bereich noch einen Schein brauch, und das Seminar hier klang aus der Spalte noch am interessantesten.“
„Ich bin Tim, Lehramt Mathe und Sport und ich bin in kein anderes Fach sonst reingekommen.“
„Ich bin Anne und hab noch überhaupt keine Erfahrung in dem Bereich aber das Onlineseminar ist ganz praktisch weil ich pendle und dafür dann nicht an die Uni kommen muss“.
Leute, das kann doch nicht euer Ernst sein!? Seid ihr wirklich durch diese ganze Scheinjagd so abgestumpft, dass ihr euch eure Studienaktivitäten nur danach aussucht, wo ihr mit dem geringsten Aufwand die meisten Punkte einsacken könnt? Fehlt euch wirklich so sehr das Interesse und die Neugier an neuen Medien, dass ihr nicht einmal in der Lage seid – wenn ihr euch nun schon zwangsläufig damit beschäftigen müsst – euch ein klein wenig dazu zu motivieren oder wenigstens dem Projekt und der Dozentin zuliebe Motivation zu heucheln? Habt ihr tatsächlich noch nie einen Blogeintrag gelesen, auf Wikipedia gestöbert oder ein Facebook-Posting geliked oder wisst ihr schlichtweg nicht, dass all das soziale Medien sind, weil ihr euch nicht damit auseinandersetzen wollt?
Das überrascht, schockiert und deprimiert mich. Aber das war noch nicht alles. Um uns ein wenig die Angst vor dem großen bösen Internet zu nehmen, gibt uns unsere Dozentin eine Einführung in Adobe Connect – das Tool, mit dem wir an den Onlineveranstaltungen des SOOC teilnehmen werden. Alles loggt sich ein und inspiziert misstrauisch das virtuelle Ungetüm.
Es dauert nicht lange, da wird der Chat mit unqualifizierten Beiträgen anonymer Trolle geflutet. Feige Witzbolde mit so lustigen Nicknames wie „Arno Nym“ stänkern rum, wie langweilig und doof das alles wäre und prophezeien den unvermeidbaren Untergang des Projekts.
Sehr traurig finde ich das alles. Ich kann es nicht fassen, wie junge Menschen im Besitz einer sogenannten Hochschulreife so kindisch und unreif sein können, ein Projekt, zu dem sie sich aus freien Stücken angemeldet haben, ohne jede Argumentationsgrundlage und derart niveaulos schlecht zu reden und gleichzeitig auch noch die Feigheit besitzen, die ohnehin unkonstruktive Kritik nur anonym zu äußern?
Als wir dann in Kleingruppen Recherchen zu den Tools Twitter und WordPress und der Einrichtung entsprechender Accounts durchführen, treibt eine handvoll Jungs meine Fassungslosigkeit auf die Spitze. Ob wir denn auch so sinnlosen Blödsinn bearbeiten müssten wie sie. Diese sozialen Medien seien ja absolut unnötiger Schwachsinn, sie sähen darin keinen Nutzen für ihre berufliche Zukunft. Sie würden sowieso für immer und ausschließlich mithilfe gedruckter Bücher unterrichten und bräuchten den Kram nicht.
Auweia. Und diese Menschen sollen meinen Kindern später mal was beibringen? Bitte, bitte nicht. Ich bin schockiert über eine derart konservative, innovationsscheue und weltverschlossene Einstellung. Ich persönliche halte es nämlich für eine wichtige Sache, als Lehrer den Umgang mit diesen Tools auszuprobieren und zu lernen, um sie später in den eigenen Unterricht einbinden zu können. Alleine deshalb, weil diese Systeme aus dem Alltag ihrer Schüler bald schon nicht mehr wegzudenken sind und sie nur dann einen Zugang zu ihnen finden können, wenn sie sie in ihrer Lebenswelt verstehen und abholen. Ganz davon abgesehen, dass der Einsatz digitaler und kollaborativer Medien die Medienkompetenz der Schüler fördert und Abwechslung in die Unterrichtsgestaltung bringt. Ich bin jedenfalls der Meinung, man kann sich heutzutage insbesondere als Pädagoge nicht mehr vor diesen Konzepten verschließen. Selbst wenn man diese für den eigenen Unterricht ablehnt, sollte man sie sich wenigstens einmal vorurteilsfrei ansehen.
Nun gut…ich bin weiterhin sehr gespannt, wie das Seminar sich entwickeln wird, wenn wir nun bald tatsächlich „online gehen“. Unter Neugier, Spannung und Vorfreude mischt sich aber zunehmend auch die Sorge, ob eine regelmäßige, produktive und sinnvolle Beteiligung aller Teilnehmer gegeben sein wird.
Kommentare zu: "„Ich bin unerfahren und brauche den Schein!“" (19)
Hallo liebe Siegener,
Kopf hoch, Ihre Erfahrungen habe ich in meinem Studium auch gemacht und trotzdem hatten wir schöne Seminare zu Thema Medien und Schule. Sie haben das Glück, dass Sie an einem D-A-CH-weiten Kurs teilnehmen und daher immer Resonanz erhalten werden. Vielleicht nicht aus der eigenen Uni, aber vielleicht aus der Schweiz, aus dem Süden, Norden oder Osten Deutschlands.
Ich wünsche ganz viel Spaß, aufschlussreiche Erfahrungen und maximale Vernetzung!
🙂
Ich muss doch grade etwas lachen. Wie schade, dass ich das erst jetzt gefunden habe (danke an den Blog-Aggregator!).
Ich versuch den Beitrag mal Stück für Stück zu kommentieren und deine Fragen zu beantworten:
„Seid ihr wirklich durch diese ganze Scheinjagd so abgestumpft, dass ihr euch eure Studienaktivitäten nur danach aussucht, wo ihr mit dem geringsten Aufwand die meisten Punkte einsacken könnt?“
Ja. Nenn mir bitte einen Studiengang wo das nicht der Fall ist. Und durch die BA/MA Umstellung ist das nicht unbedingt besser geworden. Online-Veranstaltung heißt dann zudem, dass man 2 SWS weniger in der Uni ist (was bei meiner SWS Anzahl schon gut ist…). Zu geringstem Aufwand: Wir wussten doch gar nict was auf uns zukommt, also kannst du das nicht vorwerfen.
„Habt ihr tatsächlich noch nie einen Blogeintrag gelesen, auf Wikipedia gestöbert oder ein Facebook-Posting geliked oder wisst ihr schlichtweg nicht, dass all das soziale Medien sind, weil ihr euch nicht damit auseinandersetzen wollt?“
Hast du leider völlig falsch verstanden. Blogs etc. wurden gelesen aber noch nicht erstellt und erst recht nicht in einem Lern-Studiums-Kontext benutzt.
„…gibt uns unsere Dozentin eine Einführung in Adobe Connect – das Tool, mit dem wir an den Onlineveranstaltungen des SOOC teilnehmen werden. Alles loggt sich ein und inspiziert misstrauisch das virtuelle Ungetüm.“
Sry, du hast uns selbst gesagt, dass das AC nicht das beste Tool ist. Und die Technik-Probleme erleichtern das Vertrauen nicht unbedingt… (Ich konnte über Arno Nym schmunzeln…Bitte die Sache etwas lockerer sehen 😉 )
„…und prophezeien den unvermeidbaren Untergang des Projekts.“
Vgl. dazu die Ausrichtung unseres Blogs. Möglicher Beweis durch Widerspruch? Mal sehn.
„Sie würden sowieso für immer und ausschließlich mithilfe gedruckter Bücher unterrichten und bräuchten den Kram nicht.“
Völlig ins Klo gegriffen. Haben wir so nicht gesagt und auch nicht so gemeint. Mein Kommentar bezog sich da drauf, dass ich Bücher immer E-Books vorziehen würde. Vor allem für mein privates Lesen. Zum Lesen gehört für mich mehr als nur das reine Lesen. Haptik, Geruch und so spielen mit in die Emotionalität des Lesens ein. Da kann kein E-Book mithalten. Für Uni-Lektüre ist das was anderes auch wenn ich da auch gerne ausdrucke um zu markieren. In der Schule wird man natürlich nicht an E-Books vorbeikommen. Wie sich das allerdings praktisch zeigen wird… keine Ahnung. Da sind wir noch nicht.
Vgl. http://blog.meine-firma-und-ich.de/mutbuerger-karin-schmidt-friderichs-verlegerin/ (ist im Übrigen ein Blog…)
„Ich bin schockiert über eine derart konservative, innovationsscheue und weltverschlossene Einstellung.“
Ich bin schokiert über eine derart falsch verstandene Auffassung unserer Skepsis, die sich weniger gegen die Medien, als viel mehr gegen das Kursformat richtete.
So viel dazu.
Nodda
Es stellt niemand außer Frage, dass ein Studium eine erbärmliche Jagt um Credits und Scheine ist. Man hechtet von einer Klausur über eine Hausarbeit zur nächsten Klausur, immer im Hinterkopf, dass man bestmögliche Ergebnisse mit dem geringsten Lernaufwand erreichen will. Nach 9 oder 10 Semestern steht man völlig erschöpft am Ende der Studienzeit und ist heilfroh, dass es vorbei ist. Stimmt’s oder ist das nur meine Wahrnehmung? Aber was wäre denn, wenn es weniger Auswendiglern-Klausuren gäbe, wenn Hausarbeiten nach eigenen Interessen und Neigungen verfasst werden dürften, wenn mehr Projekte und Praxisseminare stattfänden?
Mein Appell an skeptische Studierende: Lasst Euch auf das Experiment ein, versucht Euch mit dem Format zu arrangieren, springt über Euren Schatten und probiert es einfach aus! Seht es einfach als einen klitzekleinen Schritt in Richtung kompetenz- und zukunftsorientiertes Hochschulstudium, als einen kleinen Schritt weg von der Bulimie-Klausur.
Studieren hat nichts mehr damit zu tun, sich mit Muße ein Thema in seiner Tiefe zu erschließen. Im Laufe des Studiums lernen viele, dass man nicht immer nach seinen Interessen gehen und für ein Seminar Feuer und Flamme sein kann, sondern vielmehr ökonomisch denken und ein gewisses Organisationstalent haben muss, will man sein Studium erfolgreich abschließen. Und das bringt es eben mit sich, dass in Seminaren auch Teilnehmer(innen) sitzen, die nicht vom Thema hellauf begeistert sind, sondern danach gehen, was am besten in ihren Stundenplan passt usw. Weil die Verhältnisse an den Unis so sind wie sie sind, kann man den Leuten auch die Meinungen, die in den Präsenzsitzungen geäußert wurden, nicht ankreiden.
Was die skeptische Haltung der Leute angeht: Ich denke, dass das normal ist. Als Studierender ist man genauso konservativ wie die Gesellschaft überhaupt. Neuerungen – wie der SOOC – werden erst einmal skeptisch und kritisch betrachtet und hinterfragt, das Herkömmliche, Erprobte erst einmal verteidigt, bis sich die Neuerung erkundet mehr oder weniger verbreitet durchsetzt oder eben nicht. Deswegen: Den Leuten erst einmal die Chance geben, mit dem SOOC zu arbeiten und sich daran zu gewöhnen. Erst dann können sie ihr Urteil fällen und den SOOC ablehnen oder begeistert annehmen.
Sehr gute Antworten. Leider geht ausprobieren in den seltensten Fällen. und Interesse? Ich sitze morgen in einem stinklangweiligen Seminar, wo der Dozent mich erwartete 4 Stunden zulabern wird. Warum? Weil’s ein Kompaktseminar ist und ich schnell einen Schein mehr hab. Aber dieses Seminar hat so wenig mit meinem Studium zu tun, dass ich fast mehr Zeit darüber diskutiert habe, ob wir den Kurs abblasen, als dass ich mein Referat vorbereitet habe.
Und wie der Titel sagt, Online Seminare versprechen in der Regel schnelle, leichte Scheine. Mittlerweile musste ich da auch ein bisschen von der Meinung abrücken und hab sogar kräftig getwittert…für meine Verhältnisse. Und wenn ich ab Sonntag nur noch zu 99% ausgelastet bin, hab ich wohl auch endlich mal Zeit für den sooc, PLE uswetcpp.
Danke Jullie, dass wir uns hier so fein auf deinem Blog austoben dürfen 😉
Als Antwort auf Andrea:
Die Ergebnisse dieser Studien sprechen dafür, dass uns Wahlfreiheit nicht glücklicher, sondern im Gegensatz unglücklicher macht, obwohl wir etwas anderes erwarten.
Bei all dem Gestöhne über den Bachelor und den Studienzwang kann ich mich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass aus den meisten – neben dem Stress – hauptsächlich freudiger Stolz spricht, wenn sie sich im Nachhinein darüber beschweren.
Ich erfahre etwas Anderes bei dem SOOC gerade: Die große Wahlfreiheit, die er mir liefert, verwirrt und verunsichert mich (etwas, das ich während der beiden Präsenztermine bei sehr vielen meiner KommilitonInnen spürte), anstatt mich zu erfreuen.
Das Gefühl ist nicht neu und wird üblicherweise mit einem „Tu einfach, dann bekommst du den Spaß daran, oder zumindest lernst du etwas!“ beantwortet, aber daran glaube ich nicht. Dass der Spaß dann von alleine kommt, meine ich. Am SOOC. Vielleicht an Unterhaltungen wie dieser hier (und das soll der SOOC ja auch bewirken, ist also Teil davon), aber nicht an dem „Erfüll irgendeine Leistung, weil wir müssen ja irgendwas haben, um euch die CPs zu geben.“
Für letzteres wäre mir eine klare Struktur und Aufgabenstellung lieber – und weil ich vermute, dass es nicht nur mir so geht, seh ich darin den Grund, warum so viele die beiden vorgeschlagenen Aufgaben erfüllten, anstatt kreativer einfach „irgendwas“ zum Thema zu schreiben. Dass der SOOC dadurch bisher größtenteils auch nur auf diese beiden Aufgaben und eine Reflexion darüber beschränkt ist, ist die Folge.
Für bereits mit MOOCs bekannten Internetnutzern stellt sich das Problem der zu großen Wahlfreiheit nicht, da übernimmt die Gewöhnung. Für euch als Leiter gibt es noch weniger ein Problem, denn gerade ihr seid durch den SOOC viel stärker eingespannt als jeder andere, habt klare Ziele für ihn und daraus resultierende Aufgaben, jede Woche neu. Und sei es nur die selbst gesetzte Aufgabe der Motivation der Teilnehmer.
Daher erfahrt ihr diese Unzufriedenheit momentan nicht, glaube ich.
TL;DR: Der SOOC gibt große Freiheiten, eigenen Interessen zu folgen. Das fördert aber nicht, wie man erwarten würde, den Spaß daran, sondern nimmt ihn: Es wäre viel mehr Spaß und Interesse von den Teilnehmern zu erwarten, denke ich, wenn sich der SOOC einem bestimmten Thema annehmen würde – nicht sich selbst als Thema setzend – und klare Aufgaben verteilte, deren sich angenommen werden MUSS. So kontraintuitiv das klingt.
[…] auf Diskussionen mit Menschen, die wahrhaftig neben uns sitzen? Sonst würden Blogbeiträge wie dieser nie zu Stande kommen. Auch wir waren sehr gespannt, wen wir in den nächsten Wochen virtuell […]
@Online Lerner (24.5.) „Meinungen, die in den Präsenzsitzungen geäußert wurden, nicht ankreiden.“
– ich finde, dass man das schon kann, denn denjenigen, die in der Präsenzsitzung „gemault“ haben, wurde ja auch nicht der Mund verboten.
@secalcesal
Die Selbstorganisationskompetenz und die Fähigkeit eigenes Lernen und Handeln zu reflektieren wird einem in der Schule nicht mitgegeben. Im Studium wird das bisschen Kompetenz, was man hat, dann auch noch „abtrainiert“, weil man Credits hascht. Mit einem mal fällt man ins Berufsleben, muss sich mehr oder weniger komplett selbst organisieren, muss filtern, planen, einschätzen was einem hilft und was einen hemmt – das hat man aber nie gelernt.
Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, den SOOC mal als Chance zu sehen und neue Handlungsmuster zu entwickeln. Aufgabenlösen und „Machen-was-der-Dozent-sagt“ kann man ja auch an anderer Stelle.
Einfach mal drauf einlassen…
Ich will ja keinem den Mund verbieten. 🙂 Ich halte solche Reaktionen angesichts der Zwänge des Studierens für nachvollziehbar, bedaure aber, dass es so ist und wäre froh, wenn Studieren anders wäre und Seminare dann eben nur solche Leute belegten, die auch am Thema richtig interessiert sind.
Was die Selbstorganisationskompetenz betrifft, möchte ich widersprechen. Die SchülerInnen / Studierenden können zwar nur in begrenztem Maße entscheiden, was sie lernen, und müssen insofern den Vorgaben der Lehrer folgen; allerdings lernt doch jede Schülerin und jeder Schüler und jede Studentin und jeder Student, wie er am besten mit den Anforderungen des Schulalltags oder Unialltags umzugehen hat (die / der eine erfolgreicher als die / der andere), d. h. wie sie / er Lernen und seinen Arbeitsprozess organisiert. Man denke hier an offene Unterrichtsformen wie den Wochenplanunterricht.
@Andrea: Ich bezweifle sehr stark, dass die Schule Selbstorganisationskompetenz und Reflexionsfähigkeit nicht mitgibt und das Studium Ansätze davon vergräbt, statt sie zu wecken. Diese oft verwendeten Schlagwörter treffen das Problem höchstens am Rande.
Wie Online Lerner schon schrieb, organisieren Schüler und Studenten ihren Lernalltag selbst. Dass sie dabei meistens nicht mehr als nötig tun, ist eben genau das: Organisationskompetenz. Und, btw, die allermeisten Schüler reflektieren sehr wohl darüber.
Was den Beruf von der Schule/Uni unterscheiden _kann_, sind die Anforderungen. Aufgaben werden nicht mehr so exakt gestellt, es wird im Lösungsprozess also mehr Kreativität verlangt (von der Sache, nicht vom Arbeitgeber) und damit auch mehr Freiheit gegeben. Gleichzeitig haben Fehler wesentlich härtere Konsequenzen, was hohe Anstrengung rechtfertigt. Das ist die Grundlage der Motivation im Beruf: Nicht Interesse, sondern unbestimmte Sorge oder Angst vor den Konsequenzen, wenn die Aufgabe nicht gut genug erfüllt wird (Interesse kann dazukommen, ist sogar erstrebenswert, muss aber nicht). Für den Fall, dass das zu dunkel und pessimistisch klingt: Beachtet das Video, das ich postete, beachtet was uns glücklich macht!
Von Schülern wird oft verlangt, dass sie aufhören sollen, nur die gestellten Aufgaben zu erfüllen, und stattdessen eigene Aufgaben suchen und erfüllen sollen, aus Interesse. Dabei wird übersehen, das die Freiheit, die gegeben wird, eine beschränkte ist (Nicht: „Such dir irgendwas zu tun.“ sondern „Such dir jetzt aus diesem Pool eine Aufgabe.“) und die Motivation nicht mitgeliefert wird (weder wird Angst vor Konsequenzen geweckt, noch Interesse). Stattdessen wird Interesse _verlangt_. Das aber ist eine unmögliche Forderung. Man kann von keinem Menschen, egal ob jung oder alt, Interesse an einem Thema verlangen. Das würde eine bestimmte Welt- und Wertesicht als allgemeingültig voraussetzen und die Freiheit der Personenentwicklung massiv einschränken. Jeder hat das Recht, sich seine eigenen Interessen zu setzen.
Man darf natürlich versuchen, Interesse in der anderen Person zu wecken. Sollte, als Lehrer.
Warum also sollte ein Schüler, der kaum Konsequenzen zu fürchten hat und momentan außerdem kein Interesse, sich eine Aufgabe für sich selber aussuchen und erledigen?
Aus der Tatsache, dass er dazu keine Lust hat, kann man nicht folgern, dass er genauso im Beruf sein wird – denn da sind die Konsequenzen, wie gesagt, viel schlimmer, und seine Motivation also viel höher.
Vielleicht handelt er mit seiner Weigerung in konkreten Fällen kurzsichtig, wenn es sich um wichtige Lerngebiete dreht. Da sollte der Lehrer dann umso stärker versuchen, Interesse zu wecken und die Wichtigkeit des Gebietes verständlich zu machen (Eine Klärung: Wichtig bedeutet hier nur, dass es eine Kompetenz ist, die im späteren Leben grundlegend sein wird und deren Fehlen sehr schlechte Konsequenzen für den Schüler haben wird. Die Begründung folgt hier also, ultimativ, wieder aus der Sorge/Angst, nur diesmal vom erfahreneren – weitblickenderen – Lehrer getragen).
Es gibt keinen Grund für den Schüler, sich so eine Aufgabe zu suchen. Es sei denn, er hat das Interesse bereits oder es wird durch irgendetwas geweckt.
An dieser Stelle eine triviale Anmerkung zu Interesse im allgemeinen: Man kann sich nur dafür interessieren, was man bereits einigermaßen kennengelernt hat. Niemandes Neugierde wird durch die bloße Bemerkung „Ihr könnt euch dann einen Twitter-Account machen oder auch einen bei WordPress – oder auch nicht, wenn ihr nicht wollt.“ geweckt. Vor allem, wenn man gar nicht weiß, was das ist.
Das Studenten, die explizit nach der Motivation ihrer Belegung gefragt wurden, Scheine und Zeitmanagement anführen (Organisationskompetenz!), ist weder verwunderlich noch auf irgend eine Weise negativ. Vor allem wenn besagte Studenten keine Ahnung hatten, was auf sie zukommt. Es war, behaupte ich, für Web 2.0-fremde Studenten in den beiden Präsenzsitzungen unmöglich, mehr als eine rudimentäre Neugierde für die Vorgänge zu entwickeln. Viel zu theoretisch, abgehoben, unkonkret, unerfassbar (Ich sah selten einen Kurs mit so viel Ratlosigkeit bei so vielen Studenten). Und die beiden Präsenzsitzungen kamen NACH der Anmeldung zum Kurs. Dass Julie, die mit all diesen Web2.0-Dingen bereits vertraut war, die Skepsis und Zurückhaltung ihrer KommilitonInnen für Faul- und Abgestumpftheit hält, ist nichts weiter als das Unvermögen, sich in deren Lage hineinzuversetzen. Was nicht negativ gemeint ist, sondern immer wieder auftritt, wenn Leute begeistert von etwas sind und einfach nicht verstehen können, wie man das nicht teilen kann. Es ist schwer, sich in jemanden hineinzuversetzen, dessen Interesse noch kaum geweckt wurde, wenn man selber bereits brennt.
(On a Sidenote: Es gibt auch andere Motivationsgründe als die beiden genannten, also Angst und Interesse. Soziale z.B., also die Verbesserung des eigenen Status. Ist in der Schule ziemlich wichtig und läuft hierzulande dem Lernen oft konträr entgegen, gerade an Hauptschulen. Ich habe sie aus Darstellungsgründen übergangen. Generell setzt sich Motivation aus verschiedenen solcher Gründe zusammen.
Sorge/Angst ist allerdings der stärkste.)
Habe den Kommentar auf meinem Blog erneut gepostet, um die Diskussion auszulagern. Bitte darum, eventuelle Reaktionen dort zu veröffentlichen.
Leider sind offene Unterrichtsformen nicht an allen Schulen, in allen Fächern und bei allen Lehrern angekommen (aber – zum Glück – bei sehr vielen, das stimmt).
Ich war auch heilfroh fertig zu sein mit dem Studium und nie mehr irgendwelches Zeug auswendig lernen zu müssen, was ich auch nur eine Stunde nach der Klausur wieder vergessen habe. Allerdings weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so richtig einen Rat, wenn es darum geht, in 5 Jahren möglichst eine breite Basis an Fachkompetenz zu schaffen und gleichzeitig personale, soziale und methodische Kompetenzen zu vermitteln. Man kann weniger Fachwissen in Vorlesungen eintrichtern, aber vielleicht fehlt dann – in den Gebieten, die einen wirklich interessieren – auch die theoretische Grundlage, um beispielsweise eine Abschlussarbeit zu schreiben?
Mich würde interessieren: Was konkret würdest Du Dir für Dein Studium wünschen? Was konkret würdest Du anders machen, damit es Studierenden mehr Spaß macht, nachhaltiger ist und für die Lehrenden aber auch zeitlich noch zu wuppen ist?
Spontan fallen mir drei Punkte ein:
Offenere Veranstaltungsformen:
Ich habe u. a. Geschichte studiert. Ich kann eigentlich nur sagen, was mir immer Spaß gemacht hat (für andere bestimmt totlangweilig): Ich habe immer gerne Seminare belegt, in denen ich ein Semester lang an einem konkreten Problem arbeiten konnte. Beispielsweise habe ich Kurse gemacht, in denen es darum ging, alte Schriften zu lesen und eine bestimmte Menge Texte in die moderne Schreibweise zu übertragen. Oder ich habe Epigraphik-Kurse besucht, in denen Münzen bestimmt und katalogisiert wurden. Auch gab es solche Kurse, in denen als Produkt am Ende eine Sammelschrift zum Thema „Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert“ entstehen sollte. Jeder war hier dafür zuständig, Aufsätze zu einem bestimmten Thema zu schreiben und ‚vor Ort‘ in Archiven, Museen etc. zum Thema zu recherchieren und Material zu sammeln. Bei allen diesen Kursen war der Dozent nur begleitend dabei, hat Hilfestellung gegeben und bei Problemen weitergeholfen. Ortsgebunden war man auch nicht, außer in den Münz-Kursen, da man selbstständig gearbeitet hat. Den Aufwand für die Dozenten, der nur ein paar einleitende Sitzungen gestaltete, schätze ich nicht hoch ein, zumindest nicht so hoch wie z. B. bei Vorlesungen.
Mehr Zeit fürs Selbststudium:
Ansonsten hätte ich mir die lästige Regelungen vom Hals gewünscht, in den Seminaren anwesend sein zu müssen, nur um zu unterschreiben. Viel lieber hätte ich die Freiheit gehabt, Stundenthemen eigenständig zu Hause anzueignen. Ich kann nicht sagen, dass ich die Zeit hatte, mich so wie gewünscht intensiv mit einem Thema beschäftigt zu haben. Die Zeit habe ich an der Uni in Seminaren verplempert, in denen ich (körperlich) anwesend sein musste, um meinen Schein zu kriegen. Ergiebiger war es für mich immer, selbst zu lesen und zu denken, anstatt mir etwas vorkauen zu lassen.
Studium entschleunigen:
Insgesamt denke ich, dass es notwendig ist, das Studium zu entschlacken, so dass wieder mehr Zeit da ist, z. B. ein Referat richtig und sorgfältig zu erstellen, was jetzt nicht so ist. Das würde sich dann auch auf die Qualität von Referaten auswirken. Viel hilft eben nicht immer viel.
Bei den letzten beiden Punkten, bei dem letzten weniger als beim vorletzten, hat man als Dozent wohl kaum Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.
[…] einem Blogeintrag von Julie entstand in den Kommentaren eine relativ rege Diskussion darüber, warum sich Studenten dem MOOC […]
[…] (wie z.B. dieser Blog) kund zu tun. Obwohl von anderen, selbstgerechten Teilnehmern des Kurses schon im Vorfeld ausführlich bemängelt, glaube ich doch, dass eine grundkritische Auseinandersetzung mit dem Thema besser ist, als das […]
[…] anderen Kursen. Die Leistung, auf die es nun mal ankommt (vgl. sooclis Beitrag oder die Diskussion hier), wird hauptsächlich in dem Seminar selbst abgeleistet oder in einer Klausur zu einem festgelegten […]
[…] Seit dem ich diese Posts gelesen habe, überlege ich, ob ich darauf antworten soll und vielleicht sogar müsste. Oder aber: ist es etwa kontraproduktiv, denn ich könnte wertvolle Kommentare anderer Teilnehmer hemmen, wenn ich hier antworte, immerhin gelte ich als Gastgeber. Auch die MMC13-Crew hatte dieses Phänomen erlebt. Aber wir haben im SOOC13 noch eine zusätzliche Komponente: Wir haben Studierende, die ggf. CPs erhalten wollen. Wenn ich als 0815-Teilnehmer in einem MOOC keine Zeit habe (wie aktuell leider beim COER13), dann lasse ich es einfach wieder. Keine Konsequenzen. Aber für Studierende gibt es da noch ein paar andere Motivatoren: Wenn sie abbrechen, bekommen sie die CPs nicht und dann war das Semester in diesem Modul vielleicht “verschenkt”. Daher ist es durchaus möglich, dass Studenten sich pragmatisch für den SOOC13 entschieden haben – für den Schein eben (kritisiert und diskutiert hier). […]
[…] Also doch nicht “Lernen 2.0 – Bloggen, Twittern und hoffen, dass das für den Schein reicht”. Hmm kam mir zwischenzeitlich zwar so vor, aber macht ja auch nix (nicht dass […]
[…] aller erster Linie deutlich mehr Zeit/workload in diesen Kurs investiert als das ansonsten für 2 CP nötig ist. Die mentale Beschäftigung und Belastung durch die ständige Unmittelbarkeit mal noch […]